Düsseldorf 05.12.2011
Von Bernd Schuknecht
Ohrenbetäubendes Krachen explodierender Funkenfontänen vermischt sich mit dem schneidenden Zischen von Dampfwolken.
Von der Decke des
Düsseldorfer ISS Dome senkt sich ein eiserner Laufsteg, über den die Musiker von
Rammstein im staksigen Roboterschritt von der Hallenmitte Richtung Bühne
marschieren, wo bereits entfesselte Pyrotechnik die Luft brennen lässt. Das
Endzeit-Szenario beschwört eine Bildsprache, wie man sie von Fritz Lang bis
Roland
Emmerich
kennt, und der Titel «Sonne» heizt den Fans am Bühnenrand, die sich ohnehin wie
Dönerfleisch am Drehspieß vorkommen müssen, zusätzlich ein. «Rammstein,
Rammstein», grölt es in schierer Begeisterung aus abertausenden Kehlen.
Dieser Konzertauftakt erzeugt grenzenlose
Faszination bei den Fans, und selbst Menschen, die der Musik der Band eher
distanziert gegenüberstehen, kommen um ein Gefühl von Respekt nicht herum. Rund
zwei Stunden dauert das erste von drei innerhalb kürzester Zeit ausverkauften
Düsseldorf-Konzerten, die Rammstein vor jeweils 12.500 Fans geben. Zu hören gibt
es maßgeblich Lieder von «Made in Germany», einer «Best-of»-CD, die am kommenden
Freitag erscheint und die die wichtigsten Titel von 1995 bis
heute
vereint.
Der Titel macht es
deutlich: Das Sextett aus dem früheren Osten Berlins ist längst ein sogenannter
Global Player und spielt selbst im New Yorker Madison Square Garden vor
ausverkauftem Haus. Das gerollte «R» von «Grösaz» (Größter Sänger aller Zeiten)
Till Lindemann und das Henkersknecht-Outfit seiner musikalischen Mitstreiter
beschwören ein Blut-und-Boden-Klischee vom Düster-Germanischen, das jedoch kaum
in die politische Neonazi- als vielmehr in die Fantasy-Szene von
War-Games-Anhängern passt. Die gigantische Show in höchstem Perfektionsgrad ist
ein phantasmagorischer Bilderreigen um Unterdrückung und Kompensation, dient
aber auch dazu, von der musikalischen Eintönigkeit ewig dumpf krachender
Songstrukturen abzulenken.
«Ihr glaubt, zu töten wäre schwer, doch wo
kommen all' die Toten her», skandiert der 48-jährige Lindemann, und wäre da
nicht das martialische Drumherum, könnte das auch als Friedensappell
interpretiert werden. Vieles bei Rammstein funktioniert nach Vexierbild-Art: Man
kann es so, aber auch gegenteilig verstehen. Der Primat der Provokation ist
allgegenwärtig. So werden die Musiker einmal wie Hunde an der Leine über den
Laufsteg geführt und dürfen sodomitische Fantasien wecken. Auch «Bück' Dich»,
als elektronische Dance-Version remastert, ist ein schwer verdauliches Stück von
Macho-Menschenverachtung.
Provokation ist immer mit im Spiel - ein Garant
für den weltweiten Erfolg. Letztlich war das Konzert eine harmlose Ü30-Party mit
viel Bier und guter Laune, und bei der Zugabe mit «Engel», bei der Lindemann
zwischen den feuerspeienden Flügeln eindrucksvoll verglüht, gab es sogar einen
Hauch von Adventsstimmung, allerdings nach Heavy-Metal-Manier.